SOBES

Bildschirmarbeitsplatz trotz Sehbehinderung

Neue Software SOBES setzt Standards in der Beratung

Rote Schrift auf lila Grund? „Verrückt“, wird der normale Computerbenutzer sagen. Aber es gibt Menschen, die mit einer so extravaganten Farbkombination bestens zurechtkommen und damit sogar endlich ihr Ideal finden. Schätzungsweise rund 500.000 Menschen in Deutschland sind sehbehindert, und so vielfältig Ursachen und individuelle Auswirkungen sind, so unterschiedlich sind auch die Anforderungen an optimierte Bildschirmarbeitsplätze. Eine neue Software hilft dabei, Bildschirmkonfiguration und Arbeitsplatzgestaltung exakt auf die individuellen Bedürfnisse abzustimmen. SOBES, das Softwaretool zur Optimierung der BildschirmErgonomie für Sehgeschädigte Computeranwender, ist ein kooperatives Forschungsprojekt des Berufsförderungswerkes Düren und des Aachener Centrums für Technologietransfer in der Ophthalmologie e.V. (ACTO). Eine Beta-Version ist bereits herausgegeben, die von interessierten Beratungseinrichtungen getestet werden kann.

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Erstes standardisiertes Verfahren

SOBES setzt neue Maßstäbe. Es ist das erste wirklich standardisierte Verfahren in einem heute noch mit zahlreichen Unwägbarkeiten behafteten Bereich der gutachterlichen Tätigkeit. Zu den Aufgaben des BFW Düren gehört auch die Bewertung der Bildschirmtauglichkeit von Sehbehinderten. So wie das ganze moderne Leben von computergestützter Technik durchdrungen ist, so wichtig ist diese Untersuchung für die Lebens- und Arbeitsqualität des Einzelnen. Sie hat bisher nur ein Manko: Es gibt dafür keine standardisierten Abläufe. „Die Tests können nur auf Erfahrung basierend, unter Verwendung von Hilfsmitteln, ablaufen“, erklärt Jürgen Hüllen, Bereichsleiter Forschung und Entwicklung des BFW Düren. Damit aber sind Fehlerquellen nicht auszuschließen. Die Beratung mit SOBES ist dagegen „ein geleitetes und umfassendes Verfahren, unabhängig von verfügbaren Hilfsmitteln – objektiviert und medizinisch abgesichert.“

Software zum Testen und Optimieren der Bildschirmtauglichkeit

Mit Hilfe der Software arbeitet der Berater nun zusammen mit dem Klienten alle relevanten Parameter ab. Zunächst werden die persönlichen Daten und die des Arbeitsplatzes erfasst, also zum Beispiel die Art der Augenerkrankung, welche Hilfsmittel bereits benutzt werden und welche Arbeit am Computer verrichtet wird; schließlich ist es ein großer Unterschied, ob jemand am Bildschirm viel lesen muss oder nur Eingaben macht. 

Im zweiten Block der von Dr. Helmut Kopp programmierten Software geht es um den praktischen Teil. „Es wird ausgetestet, mit welchen Einstellungen der Klient am besten sehen kann“, erklärt Projektleiterin Angelika Ax. Wobei durchaus feinsinnig, aber zielgerichtet noch einmal zwischen „Sehen“ und „Lesen“ unterschieden wird.

Die dialoggesteuerte Software erweist sich als unbestechlicher Partner bei der Entscheidungsfindung was gut und was schlecht ist. Bei den Sehtests, etwa bei der Messung von Rot-Grün-Schwäche, beim Fernvisus oder beim Gesichtsfeldtest kann nicht gemogelt werden. Die Entwickler haben sogar daran gedacht, in den Text für den Lesetest Fehler einzubauen, Stolperfallen, die dem Berater zeigen, wenn sich ein Klient ins gewohnte assoziierende Lesen flüchtet.

So werden Faktoren wie Monitor-Kalibrierung, Schriftarten und -größen, aber auch Umgebungsbeleuchtung und PC-Ausstattung Schritt für Schritt auf die individuellen Bedürfnisse des Sehbehinderten „geeicht“.

Alle Daten aus den mit SOBES durchgeführten Tests werden in einer Access-Datenbank gespeichert, so dass man jederzeit wieder auf sie zugreifen kann. Am Ende steht die schriftliche Empfehlung zum Ausdrucken, die auch in Gutachten für Kostenträger übernommen werden kann.

SOBES ist aber keine Software für den Hausgebrauch, die professionelle Berater überflüssig macht. „Man braucht ein gewisses Fachwissen“, betont Projektleiterin Angelika Ax. Den Beratern wird aber ein Fahrplan an die Hand gegeben, der zu erstmalig auch objektiv vergleichbaren Werten führt.

Zur Software werden schriftliche Verfahrensempfehlungen herausgegeben, die auch allgemeine Auskünfte enthalten und daher für den interessierten Laien, etwa Familienangehörige, ebenfalls interessant sind.

Das Wissen um kompetente Beratung in Einrichtungen wie den Berufsförderungswerken könnte auch dazu beitragen, bei Betroffenen Hemmschwellen zu überwinden: „Es gibt sehr viele latent Sehbehinderte, ohne dass es auffällt“, berichtet Jürgen Hüllen. Menschen, die vielleicht aus Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes ihre Behinderung so lange wie möglich zu verbergen versuchen und damit gleichzeitig eine Verschlimmerung des Krankheitsbildes riskieren. Geradezu erschütternd im „Informationszeitalter“: „Wir haben Leute, die seit 20 Jahren keine Arbeit haben, weil sie nicht wissen, dass es solche Hilfen gibt.“ Dank SOBES kann diese Hilfe noch verbessert werden.

Das Projekt, das durch das Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung gefördert wird, soll im November auch auf der REHACARE in Düsseldorf vorgestellt werden.

Sobes

Entwicklungsarbeit im Berufsförderungswerk Düren:
Dr. Helmut Kopp und Projektkoordinatorin Angelika Ax demonstrieren,
wie mit Hilfe von SOBES für Sehbehinderte die richtige Einstellung
eines Bildschirmarbeitsplatzes ermittelt werden kann.

Sobesstand

Die neue Software stieß beim LowVision-Kongress im Oktober 2004 in Würzburg
auf großes Interesse.

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